Interview - Thema: Bindung

In diesem Interview erklärt Fr. Attenberger Hintergründe zum Thema Bindung und warum und wie das Tragen von Babys und Kindern deren Entwicklung unterstützt.

Bettina Attenberger

Bettina Attenberger ist eine der Koryphäen im deutschsprachigen Raum für das Tragen von Babys und Kindern sowie frühkindliche Bindung. Sie ist Ergotherapeutin, Gründerin der Trageschule NRW, Mutter zweier „getragener“ Kinder und SAFE-Mentorin. Seit über zwanzig Jahren berät sie nicht nur Eltern, sondern bildet auch in der Trageschule NRW Trageberater/-innen aus.

In diesem Interview erklärt Frau Attenberger Hintergründe zum Thema Bindung und warum und wie das Tragen von Babys und Kindern deren Entwicklung unterstützt.

Thema: Bindung

Fidella®: Man hört immer wieder, dass das Tragen die Mutter-Kind-Bindung fördert. Was ist denn eigentlich genau mit Bindung gemeint?

Bettina Attenberger: Babys kommen grundsätzlich mit einer Bindungserwartung und der Bereitschaft zur Bindung an andere Menschen auf die Welt. Die Bindung vermittelt dem Neugeborenen Schutz und gibt ihm Sicherheit. Da Menschenkinder unreif geboren werden, ist es essenziell für die weitere Entwicklung des Kindes eine Bezugsperson zu haben.

Bei Müttern entsteht das Attachement (Bindung von Eltern und Kind) bereits durch die Schwangerschaft, ein inneres Band der inneren Gefühlsbindung. Grundsätzlich lässt sich die Kindes-Erwartung zur Bindung aber auch von anderen Bezugsperson erfüllen, dem Vater, Großeltern, Paten.

Fidella®: Gibt es ein Zuviel an Bindung? Man hört immer wieder, dass die Kinder dann zum „Muttersöhnchen“ werden oder sich nicht lösen können und Schwierigkeiten haben, eine gewisse Selbständigkeit zu entwickeln.

Bettina Attenberger: Verwöhnen heißt für mich, dem Kind alles abzunehmen, was es eigentlich auch selbst schon kann. Das hat aber nichts mit Bindung zu tun. Lebenssituationen zu bewältigen ist ein Prozess. Eltern müssen 1. ein Problem wahrnehmen, und 2. erkennen und reagieren. Der Lernprozess für das Kind erfolgt, indem das Kind lernt, dass sich jemand um seine Bedürfnisse kümmert.

In der Regel ist zu beobachten, dass Kinder, bei denen die Bindungserwartung, gerade im frühkindlichen Entwicklungsprozess erfüllt wurde, sogar früher selbständig werden, mutiger durch Leben gehen, weil sie wissen, dass sie „zu Hause“ den Rückhalt finden, den sie benötigen. Immer, selbst wenn sie scheitern oder wenn es mal nicht so klappt, wie erwartet.

Wenn Bindung gut verläuft, kann es viele positive Effekte auf die spätere Entwicklung haben: Stärkung von z.B. Resilienz, Urvertrauen, Empathie. Die erste Bindungserfahrung ist ein grundlegendes Erfahrungsbild für das spätere Beziehungsbild.

Fidella®: Wie hilft das Tragen, Bindung aufzubauen? Welche Vorteile hat das Tragen hinsichtlich der Bindung? Vor allem im Vergleich gegenüber anderen „Transportmöglichkeiten“, wie z.B. einem Kinderwagen?

Bettina Attenberger: Das Tragen kann dabei in vielerlei Hinsicht helfen. Die wichtigsten drei Bereiche, die im Wesentlich gefördert werden sind: körperliche Nähe, Feinfühligkeit und Blickkontakt. Das Tragen mit Hautkontakt hat einen zusätzlichen positiven Effekt. Die Bildung des Hormons Oxytocin wird angeregt, was sich im Wesentlichen prosozial auswirkt und ein positives soziales Miteinander fördert.

Beim Tragen liegt die volle Konzentration auf Baby und Bezugsperson. Das Baby hat das Gefühl am richtigen Platz zu sein und kann sich in Situationen der Unsicherheit über den Blickkontakt mit der Mutter austauschen und weiß sofort, ob alles in Ordnung ist.

Fidella®: Welche Auswirkungen hat das Tragen auf das Kind und auf die Eltern? Stichwort: Gefühle, Hormone, Gewaltprävention?

Bettina Attenberger: Das Tragen hat vor allem Einfluss auf 3 wichtige Basissinne des Menschen: Gleichgewichtsinn, Tastsinn und den Muskelstellsinn. Durch das Tragen werden die Motorik und das Körpergefühl gefördert. Wie bereits erwähnt, ist das Tragen auch für die körperliche Nähe und die Feinfühligkeit essenziell. Der stete Blick- und Körperkontakt z.B. mit der Mutter gibt dem Baby ein Gefühl von Schutz und Sicherheit. Aber auch für die Eltern hat das Tragen einen positiven Effekt. Es stärkt vor allem ihr Kompetenzgefühl. Zusätzlich fördert die Oxytocinbildung beim Tragen den hormonellen Austausch, was zu weniger Stress bei Mutter und Kind führt, und ein ausgeglichenes Alltagsgefühl – gerade auch bei Frühgeborenen – schafft.

Weniger Stress im Alltag bedeutet auch mehr Mobilität für Neu-Eltern. Sie geraten nicht in die Gefahr der Isolation, sondern haben das Gefühl etwas machen zu können (für das Kind) und sich selbst auch etwas Gutes zu tun.

Fidella®: Ist die Bindung zwischen Mutter und Kind grundsätzlich anders als zwischen Vater und Kind?

Bettina Attenberger: Der größte Unterschied bei der Bindung zwischen Kind und Mutter bzw. Vater ist wohl der, dass die Mutter die komplette Schwangerschaft miterlebt und der Vater eben erst nach der Geburt in die Thematik einsteigen kann.

Grundsätzlich ist das für mich aber eher eine gesellschaftliche bzw. kulturelle Frage. In Schweden haben die Väter zum Beispiel eine Väterzeit, das heißt die Väter müssen mindestens 2 Monate der Elternzeit nehmen und bekommen zusätzlich 10 Tage Sonderurlaub in den ersten 3 Monaten nach der Geburt, um die Väter stärker in den Familienalltag einzubinden. Während wir in Deutschland eher zu Individualisten erziehen, wächst ein Kind in anderen Teilen der Welt dagegen in eine Gemeinschaft, um Teil dieser Gesellschaft zu werden. Das sind unterschiedliche bzw. andere Erziehungsziele, die allerdings keinerlei negativen Einfluss auf die Bindung haben. Wie schon zu Beginn erwähnt, wird jedes Kind mit einer Bindungsbereitschaft und -erwartung geboren.

Fidella®: Macht es einen Unterschied wer trägt? Hilft das Tragen eine bessere Bindung aufzubauen - vor allem zwischen Vater und Kind oder auch Großeltern und Kind?

Bettina Attenberger: Das Tragen ist für mich eine Art gutes Werkzeug, aber - wie so Vieles - keine Garantie. Es hilft, weil ich nach der Geburt auch für mich selber sorgen kann und macht es leichter, sich in diese neue Situation, in die Elternrolle, besser einzufinden. Es kann mich in der Organisation eines neuen Familienalltags unterstützen und mir helfen ein ausgeglichenes Wohlbefinden zu schaffen, weil ich mich auf mich und mein Kind gleichermaßen konzentrieren kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Es ist immer hilfreich sich auch sog. Co-Träger zu suchen, dann können sich auch die Väter, die Großeltern oder Onkel und Tante mal um den Familien-Zuwachs kümmern, und ihre Rollen in der Familie ausfüllen.